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ERKRANKUNGEN UND THERAPIEN - MULTIPLE SKLEROSE (MS)
Behandlungsmöglichkeiten - nach der Basistherapie (Eskalationstherapie) - Tysabri® Natalizumab (Tysabri®) ist ein monoklonaler, synthetisch hergestellter Antikörper. Antikörper sind Proteine (Eiweiße) die immunologisch aktiv sind und normalerweise von Zellen des Immunsystems (B-Lymphozyten) produziert werden. Monoklonal heißt, dass es sich um Antikörper handelt, die nur auf ein bestimmtes Ziel (Epitop) passen – genau wie ein Schlüssel für ein spezielles Schloss.
Natalizumab ist ein Antikörper, der sich gegen ein Oberflächenmolekül (α 4-Integrin) richtet, dass auf bestimmten Blutzellen des Immunsystems, den Leukozyten, zu finden ist. Mit Hilfe der Integrine können Blutzellen an die Zellen der Blut-Hirn-Schranke andocken und so aus den Blutgefäßen in das Gehirn übertreten. Natalizumab passt genau auf dieses Integrin und blockiert es. So wird verhindert, dass diese Zellen des Immunsystems zum Gehirn und Rückenmark gelangen können. Auf diesem Weg wird das Nervensystem vor verstärkter Entzündungsaktivität geschützt.
Welche Patienten können mit Tysabri behandelt werden? Natalizumab ist der erste Antikörper, der zur Behandlung der Multiplen Sklerose zugelassen wurde. Eingesetzt werden kann das Medikament bei hochaktiven, schubförmigen Verlaufsformen der MS. Dies trifft im Wesentlichen auf die folgenden Patientengruppen zu:
Patienten mit hoher Krankheitsaktivität trotz einer angemessener Behandlung mit einer Basistherapie (Interferon-ß oder Glatirameracetat). „Hohe Krankheitsaktivität“ heißt, dass unter der bisherigen Behandlung innerhalb eines Jahres 1-2 Schübe aufgetreten sind, die jeweils mit einer deutlichen Alltagsbeeinträchtigung einher gegangen sind. Die Krankheitsaktivität sollte auch in der Bildgebung von Gehirn oder Rückenmark (MRT) nachweisbar sein.
Patienten mit einer rasch fortschreitenden, schubförmig verlaufenden MS mit mindestens 2 Schüben innerhalb eines Jahres, für die keine andere, Therapie zur Verfügung steht. Dies kann bei zum Beispiel der Fall sein, wenn die Basismedikamente (Interferon-ß oder Glatirameracetat) nicht vertragen werden.
Natalizumab ist also keine Basistherapie und wird, außer in besonderen Außnahmesituationen, nicht zur Erstbehandlung eingesetzt. Die Indikation zum Beginn einer Behandlung mit Natalizumab muss vom Arzt gut überprüft und mit Ihnen ausführlich besprochen werden.
Natalizumab kann die durchschnittliche jährliche Schubrate um etwa zwei Drittel senken. Ebenso konnte nachgewiesenwerden, dass die Zahl der neu nachweisbaren Läsionen im zentralen Nervensystem um bis zu 80% gesenkt werden kann.
Wie wird die Behandlung durchgeführt? Das Medikament wird im Abstand von jeweils vier Wochen als Infusion über einen venösen Zugang gegeben. In der Regel bestellen wir Tysabri® für Sie in der Apotheke, um die notwendige Kühlung besser gewährleisten zu können. Die Infusion des Medikaments selbst benötigt eine Stunde, anschließend ist eine Nachbeobachtungszeit von einer weiteren Stunde notwendig. Entsprechend muss für die einzelne Medikamentengabe jeweils eine Zeit von etwa zweieinhalb Stunden eingeplant werden.
Nicht durchgeführt werden sollte die Infusion wenn Sie unter einem akuten schweren Infekt leiden, der mit Fieber einhergeht oder eine Antibiotikabehandlung erforderlich macht.
Welche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind bekannt? Aufgrund des hochspezifischen Wirkmechanismus gibt es keine Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten im klassischen Sinne. Wegen der immunmodulierenden Wirkung von Natalizumab darf keine andere, das Immunsystem beeinflussende Behandlung erfolgen. Insbesondere darf nicht die gleichzeitige Gabe einer Basistherapie (Interferon-ß oder Glatirameracetat) erfolgen. Die Behandlung eines akuten Schubes mit Cortison ist problemlos möglich.
Welche Nebenwirkungen sind bekannt? Im Folgenden möchte wir Sie kurz über die häufigeren Nebenwirkungen von Natalizumab informieren. Dies soll in keinem Fall ein Arztgespräch ersetzen, sondern Ihnen helfen, das schon einmal Gehörte nochmals Nachlesen zu können. Natalizumab wird in der Regel gut vertragen und geht nur in seltenen Fällen mit Medikamentennebenwirkungen einher. Zu den wichtigen Nebenwirkungen gehören die folgenden:
Beider Infusion von Natalizumab kann es bei bis zu 4% der Patienten zu Überempfindlichkeitsreaktionen kommen, die von einer lokalen Hautrötung an der Infusionsstelle bis hin zu einem schweren allergischen Schock reichen können. Dies tritt entweder während oder kurz nach der Infusion auf. Deshalb ist eine Nachbeobachtungszeit von einer Stunde nach der Infusion notwendig ist. Die Wahrscheinlichkeit einer Überempfindlichkeitsreaktion ist während der ersten Infusionen am häufigsten, besteht aber auch nach mehreren Infusionen immer noch.
Bereits in den Zulassungsstudien für die Behandlung der MS kam es bei zwei Patienten zu einer Progressiven Multifokalen Leukenzephalopathie (PML). Hierbei handelt es sich um eine fortschreitende Virus-Infektion des Gehirns durch das JC-Virus. Diese sehr selten spontan auftretende Erkrankung war sonst nur bei stark immungeschwächten oder mit HIV infizierten Patienten bekannt und verlief in der Regel tödlich. Beide im Rahmen der Zulassungsstudien erkrankten Patienten sind auch verstorben. Da beide gleichzeitig mit einem Interferon-ß-Präparat behandelt wurden, ist diese Kombinationsbehandlung später ausgeschlossen worden. Aber auch unter der Monotherapie mit Natalizumab sind seit der (Wieder-) Einführung bis heute (Stand 01.04.2011) insgesamt 111 Fälle von PML unter Behandlung mit Tysabri aufgetreten. 22 dieser Patienten (also jeder Fünfte) sind verstorben. Eine aktuelle Liste der Erkrankungsfälle findet sich auf folgender Internet-Seite (chefarztfraulicher:beobachter). Aufgrund dieser Daten ging man 2006 davon aus, dass bei einer Behandlungsdauer von 18 Monaten etwa ein Risiko von 1:1000 bestehe, unter Behandlung mit Natalizumab an einer PML zu erkranken. Die aktuelle Risikobewertung vom April 2011 geht bei einer Behandlungszahl von 78.800 Patienten (davon mehr als 12.000 über mehr als 18 Monate) von einem geringen Risiko einer PML-Erkrankung im ersten Jahr der Behandlung aus. Dieses liegt etwa bei 1:100.000. Bei einer Behandlungsdauer zwischen ein und zwei Jahren steigt das Risiko auf etwa 1:2.000 an und liegt bei mehr als 24 Infusionen bei etwa 2,5 Erkrankungsfällen pro 1.000 behandelte Patienten. Seit Mai 2011 ist ein Labortest über eine einfache Blutuntersuchung (ein sogenannter, zweistufiger ELISA-Test) verfügbar, der hilft das Risiko einer PML-Erkrankung im Verlauf einer Behandlung mit Natalizumab etwas besser für den einzelnen Patienten abzuschätzen. Dieser Test kann aber keine Aussage darüber geben, ob eine PML auftreten wird, oder nicht.
Bei etwa 0,1% der behandelten Patienten können schwere Lebererrkrankungen auftreten. Vor Behandlungsbeginn müssen diese ausgeschlossen werden, während der Behandlung sind regelmäßige Kontrollen der Leberwerte notwendig.
Was gehört zu einer Behandlung mit Tysabri? Vor Beginn einer Therapie mit Tysabri muss zunächst einmal die Indikation zum Behandlungsbeginn sorgfältig überprüft werden. Die Behandlung und deren mögliche Risiken müssen ausführlich mit Ihnen besprochen werden. Dazu gehört auch eine Beratung bezüglich eines möglichen Kinderwunsches. Unter der Behandlung mit Tysabri sollte aktuell aufgrund der unzureichenden Datenlage bezüglich einer Schädigung von Embryo oder Fötus keine Schwangerschaft oder die Zeugung eines Kindes geplant werden.
Weiterhin muss sorgfältig geprüft werden, ob Erkankungen bestehen, die gegen eine Behandlung mit Natalizumab sprechen. Hierzu ist in der Regel unter anderem eine Blutuntersuchung notwendig. Eine aktuelle Kernspintomographie des Gehirns, die nicht älter als drei Monate seien darf, muss vorliegen.
Wurde die Therapie einmal begonnen, erfolgt vor jeder Infusion am Infusionstag eine ärztliche Untersuchung. Am Tag der Infusion wird eine Blutentnahme durchgeführt. In regelmäßigem Abstand sind Kontrollen der zerebralen Kernspintomografie notwendig.
Sie erhalten einen Patientenpass, den Sie bei anderen Arztbehandlungen immer kurz vorlegen sollten. In diesem Pass können Sie auch problemlos den jeweils nächsten Infusionstermin ablesen.
Bei mehr als zweijähriger Behandlung erfolgt, wie zu Beginn der Therapie, nochmals ein ausführliches Aufklärungsgespräch über Nutzen und Risiken der Behandlung. Zu diesem Zeitpunkt ist eine schriftliche Einverständisgabe in die weitere Behandlung vorgeschrieben.
Wir streben an, dass alle in unserer Praxis mit Tysabri behandelten Patienten in eine der europaweit geführte Patienten-Datenbanken (TYGRIS, TYGRIS 24plus oder TOP) eingeschlossen werden. Dies dient zum einen der besseren Sicherung und Dokumentation von behandlungsbedingten Nebenwirkungen, aber auch der Verbesserung einer standardisierten Therapiedurchführung. Auch über die Datenbanken werden Sie ausführlich aufgeklärt. Falls Sie der Aufnahme in eine Datenbank zustimmen, werden die entsprechenden Behandlungsdaten durch uns übermittelt. Für Sie bedeutet dies keinen vermehrten Zeitaufwand. Die Aufnahme in eine Datenbank ist KEINE Bedingung für die Therapie mit Natalizumab.